Wir sehen uns auf der Straße

Transpi: Kalle muss bleiben

Am 20. Februar 2014 soll Kalle aus seiner Wohnung zwangsgeräumt werden. Eine für Köln ungewöhnlich breite Mobilisierung versucht das mit einer Blockade vor dem Haus Fontanestr. 5, morgens um 7:00 Uhr, zu verhindern. Fernsehen, Presse und Polizei werden da sein. Die KEAs auch.

Kalle ist dabei kein Einzelfall. Wir geben ein paar Hintergrundinformationen zur Wohnungssituation in Köln.

Am 20ten Februar 2014, "setzt" sich die Initiative: "Recht auf Stadt Köln" zusammen mit der Nachbarschaft der geplanten Zwangsräumung von Kalle Gerigk im Kölner Agnesviertel entgegen. Mit der Sitzblockade soll nicht nur der Gerichtsvollzug verhindert werden, sondern auch auf den Prozess der kapitalistischen Stadtumwandlung aufmerksam gemacht werden.

Gehen wir eineinhalb Jahre zurück, an dem 27ten September des Jahres 2012, fand in der alten Feuerwache eine Podiumsdiskussion zur Stadtentwicklung statt. Der Kölner Stadtanzeiger fasste sie später unter dem Titel: "Vielfalt im Agnesviertel geht verloren" zusammen(2). Das Interesse war groß, viele Bewohner schilderten ihre Eindrücke, von der zunehmenden, ökonomischen Verwertung ihres Veedels. Auch die Wissenschaft in Person des Stadtforscher Prof. Jürgen Friedrichs warnte vor den sozialen Folgen der "Aufwertung" (Gentrifizierung) für finanziell schwächere Bewohner. Zu gleicher Zeit, nur ein paar Straßenzüge weiter, erlebte Kalle was das praktisch bedeutete. Zusammen mit seinem Anwalt kämpfte er da bereits gegen die Kündigung, aufgrund angeblichen Eigenbedarfes.

Was von der Begründung zu halten ist, zeigt die Tatsache, dass die Wohnung gleichzeitig im Internet zum Verkauf angeboten wurde. Parallel dazu wurde auch die Nachbarwohunung aufgekauft und auch deren Mieter haben eine Kündigung wegen Eigenbedarf bekommen. Sowohl Kalles neuer Vermieter, als auch der Käufer der Nachbarwohnung arbeiten bei der Object Design GmbH, einer kleinen, auf Innenausbau spezialisierten Immobilienfirma. Während Kalle sich entschloss um seine Wohnung zu kämpfen, gaben sich die Nachbarn mit einer Abfindung zufrieden. Das Geschäftsprinzip der Object Design GmbH ist altbewährt. Erst wird Wohnraum günstig gekauft, dann werden die Mieter rausgetrickst, bevor umfangreich saniert und gewinnbringend verkauft wird. So geschah es bereits mit Kalles Nachbarwohnung. Nach der Fertigstellung löste sich der Eigenbedarf schnell auf und die Wohnung wurde weiterverkauft(1).

Da die Richter, trotz der erdrückenden Indizien, für den Vermieter entschieden, droht Kalle, am 20.02.2014 die Zwangsräumung seines Zuhauses und der Verlust seiner Nachbarschaft. Denn in den vergangenen Jahrzehnten wurde das Agnesviertel immer begehrter und die Mietpreise schossen in die Höhe. Für Menschen wie Kalle ist es praktisch unmöglich eine neue Wohnung in ihrem Viertel zu finden. Damit verliert Kalle einen großen Teil der persönlichen Netzwerke die er, über 30 Jahre lang, aufgebaut hat.

Neben der aktiven Verdrängung, kommt es zu einer sozialen Schließung von innenstädtischen Wohngebieten. Einkommensschwächeren bleibt nur noch die Option aus dem Viertel wegziehen, für einen Zuzug sind die finanziellen Hürden zu hoch. Damit werden ärmere Menschen immer weiter in unattraktive Wohnlagen an den Stadträndern oder ins Umland gedrängt. Mit dem Begriff: „Segregation“ wird die räumliche Trennung von Arm und Reich beschrieben. Bereits 2005, attestierte Professor. Friedrichs, dass in keiner Stadt die soziale Segregation stärker ausgeprägt ist als in Köln(3).

Die räumliche Ausgrenzung ist nicht nur mit einer geringeren Wohnqualität verbunden, sondern mit einer benachteiligten Partizipation an den Ressourcen und der Infrastruktur der Stadt. Mit der Wohnlage verbunden sind, unter anderem, längere Pendelwege und höhere Pendelkosten, mehr Kriminalität, schlechtere Schulen und schlechtere Arbeitsmöglichkeiten. Die Segregation zeigt den Menschen überdeutlich wo ihr Platz in der Gesellschaft sein soll. Mit der räumlichen Konzentration verschärfen sich aus der Armut resultierende Probleme. Stadtteile werden zu sozialen Brennpunkten gemacht. Der Marginalisierung, in der urbanen Peripherie, folgt eine Entsolidarisierung. Man wird sich in der eigenen Stadt fremd.

Der soziale Wohnungsbau ist nicht einmal ansatzweise in der Lage kompensierend zu wirken. Gab es Anfang der 90er noch insgesamt 105.000 solcher Wohnungen, liegt die Zahl aktuell bei unter 40.000- Tendenz weiter abnehmend. Gleichzeitig hat ungefähr jeder zweite Kölner Anrecht auf eine öffentlich geförderte Wohnung. Die neu hinzukommenden sozialgeförderten Wohnungen, verstärken die soziale Spaltung von Köln weiter. Mit 81,9% entstehen in Chorweiler die meisten geförderten Wohnungen. Im Agnesviertel, wo Kalle 30 Jahre gelebt hat, entspricht hingegen keine einzige Wohnung der Mietobergrenze(4,5).

Recht auf Stadt stellt die Frage, ob Geld allein entscheiden soll wer wo wohnen darf und wie unsere Städte gestaltet werden sollen. Da Grund und Boden nicht vermehrbar sind, werden diese Fragen niemals konfliktfrei gelöst werden, aber in den Konflikten liegt zugleich die Chance zu innovativen Lösungen unter Einbeziehung aller. Das Potenzial einer Stadt liegt in dessen Heterogenität, nicht in "Luxusghettos" und sozialen Brennpunkten(6).

Bereits jetzt hat die Politik viele Instrumente, um Verdrängungsprozessen entgegen zu wirken. Mit einer Mileuschutzsatzung kann die Struktur der Wohnbevölkerung geschützt und Luxussanierungen verboten werden, mittels Vorkaufsrecht kann die Stadt in Kaufverträge eingreifen und Eigentum erwerben, mit einem kommunalen Wohnungsbau könnte dauerhaft günstiger Wohnraum geschaffen werden. Eine Satzung gegen Wohnraumzweckentfremdung, die in Köln immer noch nicht in Kraft getreten ist, kann missbräuchlichen Leerstand verbieten. Dass dies nicht geschieht, ist nicht nur kommunalpolitischer Großmannssucht, sondern auch der Einführung einer betriebswirtschaftlichen Logik in der Stadtplanung zuzuschreiben. Wenn Städte wie Unternehmen geführt werden, müssen Kosten abgebaut und Gewinnchancen maximiert werden. Städte sehen sich dann, untereinander, in einem internationalen Konkurrenzwettbewerb stehen, um den besten Wirtschaftsstandort.

Es zählt nicht mehr der Ausgleich sozialräumlicher Benachteiligungen, um eine für alle lebenswerte Stadt zu schaffen, sondern einer marktorientierten Homogenisierung nicht im Wege zu stehen. Letztendlich zerstört die profitgetriebene Neusortierung die Grundlagen der städtischen Gemeinschaft. Arme, Alte oder Ausländer passen nicht in die Inszenierung einer aufstrebenden Metropole und müssen wegziehen. Nicht sie gestalten die Stadt, sondern internationale Investoren(7). Die Brandbeschleuniger sind vielfältig: neben restriktiven Sparanstrengungen bei Wohngeld- Zuschüssen, dem Versiegen des sozialen Wohnungsbaus, zunehmender Vermögensungleichheit, verstärkt auch die Finanzkrise diesen Prozess. Da "Betongold" als sichere Wertanlage gilt, bunkern zunehmend Superreiche ihr Vermögen in Immobilien. Damit treiben sie den Markt nach oben und setzten Anreize zur Verdrängung. Im Sog der Goldgräberstimmung versuchen Unternehmen, wie die Object Design GmbH, Gewinne abzuschöpfen. Den Preis dafür müssen Menschen wie Kalle Gerigk zahlen.

Der Widerstand gegen die Zwangsräumung richtet sich gleichermaßen gegen eine individuelle Ungerechtigkeit, wie auch gegen die zerstörerische Ökonomisierung der Stadt. Das Mittel gegen die kapitalistische Homogenisierung und gegen die egoistischen Profitinteressen von Entmietern wie Herrn Hauschild von Object Design, ist die Solidarität der Unterschiedlichen. Darum heißt es am 20.02 um 7 Uhr, in der Fontanestr. 5: Alle für Kalle - Zwangsräumungen gemeinsam verhindern.

Quelle, Fußnoten, weitere Verlinkungen und Bilder bei Indymedia

Der Kölner Stadt-Anzeiger

Der Kölner Stadt-Anzeiger hatte sich lange geziert, in die Berichterstattung zu "Alle für Kalle!" einzusteigen. Eine Zwangsräumung sei zu gewöhnlich, Klammer auf - uninteressant - Klammer zu. Nun konstruierte der Stadt-Anzeiger aber die Randale-Gefahr, was den Fall dann wohl doch dazu prädestinierst, in irgendeiner Form Erwähnung zu finden. (Und was lernen wir daraus? ... Richtig!)

Kalle stellt hierzu klar:

„Durch Formulierungen in dem Artikel kann der Eindruck entstehen, als ob ich mich von einzelnen Unterstützern oder Unterstützergruppen distanzieren würde. Dieser Eindruck ist falsch. Ich freue mich natürlich weiter über die große Solidarität.“

Artikel im Stadt-Anzeiger