Die deutsche Fabienne im Hamburger Jobcenter

Gespeichert von KEA am 11. März 2013 - 21:30

Inge Hannemann ist eine Hamburger Jobcenter-Mitarbeiterin und fühlt sich dem Grundgesetz gegenüber verpflichtet. Darüber hinaus pflegt sie einen kritischen Internetblog. Geht das überhaupt zusammen? Offenbar nicht. Der Arbeitgeber hatte sie für den 8. März zum persönlichen Gespräch geladen, um über die Inhalte des Blogs zu sprechen und darüber, ob sie an allen Äußerungen festhalten möchte oder nicht.

Der Termin wurde seitens der Stadt Hamburg, zunächst ohne Angabe von Gründen, just am 8. März abgesagt. Inzwischen weiß man, dass der Arbeitgeber kalte Füße bekommen und mit 100 bis 200 solidarischen Demonstranten gerechnet hatte. Polizei war bereits vor Ort. Der Fall sorgt schließlich für großes Aufsehen innerhalb sozialer Initiativen und Inge Hannemann erfährt eine Welle aus Solidarität, auch unter Erwerbslosen. Manche sehen in ihr die deutsche Fabienne, in Anlehnung an die französische Mitarbeiterin der Arbeitsagentur Fabienne Brutus, die sich erst anonym, dann namentlich und offensiv gegen Hartz-IV-ähnliche Auswüchse in Frankreich aussprach.

Solidarisierung?

Eine Solidarisierung zwischen beiden Seiten des Schreibtischs im Jobcenter – also zwischen Sachbearbeiter und Betroffenen – mag undenkbar erscheinen. Dieser Widerspruch könnte aber (vor allem seitens der Sachbearbeiter) seine Auflösung finden in der Einsicht, dass letztlich nahezu alle und auch die Sachbearbeiter der Jobcenter nicht unwesentlich von Hartz IV betroffen sind. Hartz IV, als staatliche Drohgebärde und Instrument der Repression, diktiert gleichermaßen Arbeits- und Lebensbedingungen, sagt, welche Arbeit wir arbeiten und welches Leben wir leben sollen. Hartz IV fragt nicht, was wir wollen. Es fragt nicht, ob der Sachbearbeiter Menschen finanziell sanktionieren will; es fragt nicht, welches Minimum an Überlebenshilfe für Menschen noch ertragbar erscheint. Es erwartet Gehorsam und die duldsame Akzeptanz, eben nicht zur Minderheit derer zu gehören, denen Hartz IV nun wirklich nichts anhaben kann. So krisensicher ist auch der Job im Jobcenter nicht.

Angst

Insofern ist auch Angst ein auf beiden Seiten des Schreibtischs vorhandenes Merkmal, das dem Grunde nach die sich gegenüber sitzenden Menschen (wenn auch unterschiedlich) zu Betroffenen macht. Das ist nicht immer die Angst vor Sanktionen auf der einen Seite und die Angst vor einer unkontrollierten Reaktion darauf auf der anderen. Es sind ganz normale Ängste um Jobverlust, Lohneinbußen, um die Familie und Angst vor Altersarmut. Ängste, die dazu zwingen, zu tun oder zu ertragen, was man gar nicht tun oder ertragen will. Das soll so sein!

Kapitalismus

Über Begriffe wie 'Kapitalismus' redet man nicht gern. Vielleicht, weil man es als gottgegeben hinnimmt – und dann ist das halt so. Vielleicht weil man fürchtet, bei Kapitalismuskritik sofort und automatisch ein gestandener Kommunist sein zu müssen oder als solcher erkannt zu werden. Vielleicht auch nur deshalb, weil man einfach keine alternative Idee zu 'Kapitalismus' hat und die, die vorgeben, sie zu haben, sind einem irgendwie unsympathisch. Kann ja sein.

Aber 'Hartz IV' ist nicht irgendein Instrument, Menschen in Arbeit zu bringen. Hartz IV ist mehr. Es soll auch bewirken, dass Erwerbslose unter Zwang im strukturierten Alltag bleiben und somit irgendwie auch unter Kontrolle. Erwerbslose stehen dadurch gut diszipliniert dem Arbeitsmarkt zur Verfügung, auch als Konkurrenz z.B. für Jobcenter-Mitarbeiter. Mit ganz bescheidenen Gehaltsvorstellungen selbstverständlich, Hauptsache: Weg von Hartz IV. Das lehrt uns das Jobcenter! Hand in Hand tragen Jobcenter-Mitarbeiter (freiwillig) und Erwerbslose (durch Zwang) dazu bei, den sogenannten Billiglohnsektor zu stärken und zu fördern. Gegen sich selbst!

Dieses System – das muss man erst mal anerkennen – ist aus einem soliden Beton gemacht. Hartz IV ist eine tragende Säule dieses Systems und viele "Arbeiter" sind täglich damit beschäftigt, diverse Haarrisse zu übertünchen. (Arbeitsbeschaffungsmaßnahme. Jobcentermitarbeiter und ihre sogenannten "Kunden" sind quasi mit sich selbst beschäftigt und auch das soll so sein.)

In ihrem Blog zitiert Hannemann Aristoteles:

"Denken und Sein werden vom Widerspruch bestimmt."

Ja, ja, die Widersprüche. Mitarbeiter wie Inge Hannemann sind solche Haarrisse, selbst wenn sie sich gar nicht als solche verstehen wollen und eigentlich auch lieber gerne Hartz IV einen schönen Glattputz verpassen würden. Haarriss auch deshalb, weil wir Menschen wie Hannemann im Jobcenter quasi nicht antreffen. (Schreit auf, Jobcenter-MitarbeiterInnen, wenn dem nicht so sein sollte! Wir erwarten Ihre Gegendarstellung.) Hannemanns kritisches Engagement ist deshalb allemal sehr mutig und verdient unseren Respekt.

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