Nur durch Zufall

Gespeichert von KEA am 2. April 2009 - 23:06

Ibrahim [richtiger Name ist der Redaktion bekannt] hat vor ca. zwei Monaten seine Frau verlassen und wurde durch die Stadt zwischenzeitlich in einem Hotel untergebracht. Weil dies alles andere bedeutet als „Service all inclusive“, begab sich Ibrahim sofort auf Wohnungssuche. Die Bestätigung der Umzugsnotwendigkeit – womit sich die ARGE Köln zur Übernahme der anfallenden Kosten (Umzug, Kaution, Renovierung, Erstausstattung, Miete, …) verpflichtet – hatte er in der Tasche, auch das Merkblatt über die Grenzen der „Angemessenheit“ in Sachen Wohnungsgröße und Kosten. Und endlich wurde er fündig.

Eine Wohnung zu finden, die allen Anforderungen der ARGE bzw. des Sozialamtes der Stadt Köln entspricht, ist äußerst schwierig. Dann muss man berücksichtigen, dass oft sehr viele Bewerber auf eine freie Wohnung kommen und gerade solche, die bei der so genannten „Resozialisierungsabteilung“ geführt werden, haben nicht immer die besten Chancen. Hat man eine passende Wohnung gefunden, muss alles ganz schnell gehen. Die Kaution muss geklärt werden, die Zusage zur Übernahme der Mietkosten … Wenn der potenzielle Vermieter hier warten muss, entscheidet der sich meist schnell für einen anderen Bewerber.

Insofern hatte Ibrahim Glück, als ihm der Vermieter einen Mietvertrag mitgab und ihm den Einzug zum 1. April in Aussicht stellte. Aber dann begann der Kampf. Seine Akte befand sich irgendwo zwischen Sozialamt (rechtsrheinisch) und ARGE (linksrheinisch), wobei zu hoffen bleibt, dass sie während des Transports nicht in den Rhein fiel.
Bei der ARGE zog er brav seine Nummer in der Eingangszone und er wurde auch gleich zum zuständigen Sachbearbeiter weitergeleitet. Dort aber war er irgendwie nicht eingetaktet und der Sachbearbeiter [Name ist der Redaktion bekannt] wiegelte zwischen Büro und Flur ab: „Sie haben keinen Termin, ich habe nicht Ihre Akte, es hat keinen Zweck zu warten!“ Gut hörbar für alle Anwesenden auf dem Flur, gut hörbar für einen zufällig in einer anderen Angelegenheit tätigen KEA.
Um welche Angelegenheit es sich bei dem Betroffenen handelt, war dem Sachbearbeiter offenbar scheißegal. Er fragte nicht nach und wollte einzig darauf hinwirken, dass der Betroffene schlicht wieder geht. Hier schaltete sich der zufällig anwesende KEA energisch ein und wurde vom Betroffenen unmittelbar als Beistand akzeptiert. Endlich konnte dieser sein Anliegen wenigstens schon mal vorbringen. Die Sache schien eine positive Wendung zu nehmen, der KEA konnte sich derweil anderen Begleitungen widmen, die terminlich anstanden. Doch gut, dass er hiernach nochmals nach dem RECHTen schaute.

Zehn Euro zu teuer

Ibrahims Wohnung sei in Größe und Kaltmiete angemessen, jedoch bei den Nebenkosten um effektiv zehn Euro zu teuer. Ibrahims Gefühlslage war irgendwo zwischen Schock und „Ich glaub das jetzt nicht!“.
Tatsächlich haben Sachbearbeiter einen Ermessensspielraum, der eine Toleranz von 10,- Euro in jedem Fall gestattet, aber möglicher Weise gibt es ja eine Weisung von höherer Ebene, die jene Kompetenzen beschneidet. „Dann gehen Sie doch jetzt bitte zu Ihrem Vorgesetzten bis hin zur Standortleitung ...“, empfahl der anwesende KEA im Auftrag des Betroffenen, „berücksichtigen Sie als Argument die zu vermeidende Obdachlosigkeit und richten Sie bitte auch unsere Entschlossenheit aus, bei Nicht-Genehmigung dieses Mietpreises, noch von diesem Tisch aus zum Gericht zu gehen.“ Der Sachbearbeiter war so nett, dies zu tun. … Mit Erfolg! Noch selben Tags konnte Ibrahim den Mietvertrag unterschreiben und die Schlüssel zur neuen Wohnung empfangen.

Mit dem Sachbearbeiter konnte am Ende nochmal sachlich reflektiert werden, wie „wirklich existenziell“ Ibrahims Anliegen war und mit welcher Verhältnismäßigkeit sein Auftreten á la „Sie haben keinen Termin und ich nicht Ihre Akte!“darauf reagierte. „Da haben Sie Recht, da muss ich mich entschuldigen.“, meinte dieser. Bitte, gern geschehen!

Kommentar
Was bleibt ist Wut über die Vorstellung, was geschehen wäre, wenn da nicht zufällig ein KEA oder ein anderer engagierter Mitmensch auf dem Flur rumgestanden und sich eingemischt hätte. Wir könnten aber Hunderte KEAs, gar Tausende sein … und Hartz IV wäre quasi nicht mehr umsetzbar, wenn sich alle sagen würden: "Hallo, ich bin KEA!" Hier geht's um das Prinzip von Solidarität, wie bei jenen Neuseeländischen Bergpapageien (Keas), die niemals allein, sondern immer im Schwarm kommen und Arbeit und Nahrung untereinander teilen.